Goldjunge
(September 2020)


In einem Archiv historischer Bilder fand ich dieses Portrait eines kleinen Jungen. Er trägt eine Art Sträflingskleidung, allerdings mit einem komischen spitzen Hut. Die Kleidung zusammen mit dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung wirken genauso beklemmend wie erheiternd. Er scheint den Raum wie eine Art Puppe zu dekorieren und empfindet dabei offensichtlich gar keine Lust. Ich kann mir vorstellen, wie genervt der Junge ist, weil der Fotograf nie zufrieden ist. Mich berührt dieses Portrait, weil es einen ungezähmten, lebendigen Menschen zeigt der so gar nicht zu der ihm zugedachten Rolle passt. Ich habe auf den Jungen gleich mit Solidarität reagiert. Er war der Ausgangspunkt dieser Collage.

 

Kurz zuvor mache ich einen Besuch im Bayerischen Nationalmuseum in München. Ein protziger Bau. In vielen der weitläufigen Sälen wird die Dekadenz vergangener Zeiten überhöht. Aber es gibt auch viel Spannendes zu entdecken. Ich fand dort die Skulptur "Judith mit dem Haupt des Holofernes", die 1525/28 von Conrat Meit erstellt wurde. Eine fein gearbeitete Figur, die eine Enthauptungsszene wie eine zärtliche Liebestat erscheinen lässt. 

Die Hauptattraktion im Museum war für mich allerdings der tolle Fußboden. Manche profanen Dinge haben eine sonderbar poetische Qualität. Über diese Fundstücke freue ich mich besonders, weil sie so wenig offensichtlich sind. In meinem Bild stellt er die Welt des Jungen dar. Der goldene Hintergrund entstand aus dem Kunststoffrumpf eines Bootes. Ich erstellte ein Farbnegativ. Und wie durch ein Wunder leuchtete die spröde Kunststoffoberfläche plötzlich golden auf.

 

Für mich geht es hier um eine dysfunktionale Familie. Die Mutter hat eine Puppe enthauptet, und damit die beseelende Kraft des Kindlichen getötet. Der Vater ist nur lose mit der Welt des Kindes verbunden, er ist nur Kopf. Das eigentliche Zuhause des Kindes ist finster abweisend. Der Junge ist einsam und deplaziert in seiner Lebenswelt. Und doch ist das Bild bunt und golden. Es ist die Lebenskraft, vielleicht auch die Seele des Kindes, die das "Eigentliche" ist. Sie gibt dem Bild den Grundton. Ich widme dieses Bild dem Jungen im Streifenkostüm - er ist wohl längst gestorben. Ich hoffe, er konnte seine Eigensinnigkeit erhalten und durfte in seinem Leben immer wieder golden leuchten.