Anorganische Evolution 2
(September 2020)


Haben Sie schon mal einen Flugzeugmotor mit Photoshop aus- geschnitten? Man muss schon besondere Gründe dafür haben, viel Geduld mitbringen und am besten gute Musik dabei hören. Als ich die wunderbaren Bilder aus dem National Air and Space Museum in Washington entdeckt hatte, war mir sofort klar, dass ich mit ihnen arbeiten werde. Es ist schwer zu sagen, was die Schönheit dieser Motoren ausmacht. Form follows function ist ein geflügeltes Wort.
Es könnte auch heißen beauty follows function. Für mich ist hier die Gestaltungskraft des menschlichen Geistes spürbar. Und damit ein Stück  (menschlicher) Natur. In unserer gewohnten Sichtweise gehören Natur und Technik ganz unterschiedlichen Sphären an. Aber ist unser Gestalten nicht immer Ausdruck unserer Natur, genauso wie das Reifen eines Apfels? Und ist nicht Kultur eine Erscheinungsform unserer Natur? So gesehen ist die Vorstellung, wir seien Gegenspieler der Natur vollkommen abwegig. Vielleicht sollten wir aufhören, uns wie Außerirdische zu betrachten. Dann könnten wir auch unsere Rolle im Klimawandel etwas freundlicher wahrnehmen.

 

 

Zurück zu den Motoren. Sie wirken in ihrer Komplexität wie etwas Organisches. Zuerst wollte ich aus ihnen Gebäude formen, aber das passte einfach nicht. Wie von selbst entstand zuerst ein Käfer (Anorganische Evolution 1) und dann diese Maschinenfrau. Trotz der Schwärze ist es für mich ein versöhnliches und leichtes Bild. Technik und Natur begegnen sich hier freundlich und selbstverständlich.
Starke Gegensätze sind immer wieder eine wichtige Zutat in meiner Kunst. Das zarte Blaukehlchen und die Maschinenfrau - das könnte eine interessante Freundschaft sein. Als dieses Bild fertig war, war ich jedenfalls froh. Denn stundenlanges Ausschneiden von Schrauben, Kabeln und seltsamen Armaturen - da zeigt mir meine menschliche Natur irgendwann den Stinkefinger. Und trotzdem freu ich mich schon auf das nächste Maschinenbild. Seltsam.