Blumenkrieg
(Juli 2020)


 

Ich war nach Waren an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern gefahren, hatte dort eine winzige Ferienwohnung gemietet und freute mich auf spannende Fotomotive.

 

Doch ich war frustriert. Der Nationalpark Müritz sah wenig nach Wildnis aus, die Landschaft drumherum: eher steril und aufgeräumt. Ein Lichtblick war ein privates Flugzeugmuseum am Südufer des Müritzsees. Moderne Museumspädagogik und professionelle Präsentation gibt es hier nicht. Der Schrecken der Todesmaschinen geht unter in der Faszination der Technik. Ich bewunderte die ästhetischen Formen, die mich als Künstler inspirierten. Trotzdem: ich konnte nicht davon abstrahieren, dass diese Geräte dazu optimiert waren, Menschenleben zu beenden. Abends saß ich in meiner kleinen Urlaubsschachtel und hörte die neu entdeckte Musik von Rayland Baxter. Ich war müde von der anstrengenden Seeumrundung mit dem Fahrrad und sichtete die neuen Bilder.

 

 

 

Wie ein absurder Reim auf das Grauen, für das die Kriegsgeräte stehen, sah ich überall Formen mit poetischer Kraft. Ich spürte, dass das eine starke Basis für eine neue Collage war. Und so begann ich Objekte auszuschneiden, sie hin- und herzuschieben und Zeit um Raum um mich zu vergessen. Das sah lange aus wie unmotiviert zusammen geklebtes Gerümpel. Erst das Bild von Anna Elisabeth Dickinson (1842-1932, eine amerikanische Autorin und Frauenrechtlerin) änderte das. Für mich strahlt das Portrait eine große Seelenruhe aus. Kraft, Eigensinn und Schönheit finde ich darin. Spannend, dass es von meinen vielen historischen Portraits eindeutig dieses ist, das am besten passt. Ich habe meine Bilder oft mit Gedichten verglichen. Die Assoziationen und Anmutungen der Einzelelemente verhalten sich wie Reime zueinander. Dieses Portrait verhält sich zu den Kriegsgeräten wie ein Reim und verändert sie. Das Aggressive, Todbringende verschwindet nicht, aber es wird erweitert und in einen anderen Kontext gestellt. Mich erinnert das Gesamtensemble an eine Persönlichkeit, die das Zarte und Wehrhafte zu einer ruhigen Kraft integriert hat. Als die Collage in den Grundzügen fertig war, fühlte auch ich mich ein wenig mit mir versöhnt.

 

 

Musik zum Bild: ich empfehle "No time for crying"
von Mavis Staples